KalibratKalibrat

StartWissen › IATF 16949 und Prüfmittel

IATF 16949: was bei Prüfmitteln über ISO 9001 hinausgeht

Wer als Automobilzulieferer zertifiziert ist, kennt das Gefühl: bei ISO 9001 war das Prüfmittelverzeichnis eine Nebensache, im IATF-Audit wird daraus ein eigener Tagesordnungspunkt. Hier steht, woran das liegt – und welche Aufzeichnung die meisten Lieferanten nicht vorlegen können.

Zwei Abschnitte, die den Unterschied machen

7.1.5.1.1 – Analyse des Messsystems

Für Messsysteme, die in einem Produktionslenkungsplan genannt sind, sind statistische Untersuchungen durchzuführen, um die Streuung in den Messergebnissen zu bewerten. Die geforderten Verfahren und Annahmekriterien richten sich nach den Referenzhandbüchern – in der Praxis nach dem MSA-Handbuch der AIAG, sofern der Kunde nichts anderes vorgibt.

In deutschen Betrieben begegnen einem meist zwei Untersuchungen:

Wichtig für die Praxis: die MSA ist eine Untersuchung des Messsystems – Messmittel, Prüfer, Vorrichtung, Verfahren, Umgebung zusammen. Ein kalibrierter Messschieber macht ein Messsystem nicht fähig. Kalibrierung und MSA beantworten zwei verschiedene Fragen: die eine, ob das Gerät richtig anzeigt; die andere, ob die Messung für diese Toleranz überhaupt taugt.

7.1.5.2.1 – Kalibrier- und Verifizierungsaufzeichnungen

Hier wird IATF sehr konkret. Verlangt werden Aufzeichnungen unter anderem über:

AnforderungWas das im Verzeichnis bedeutet
Nachkalibrierung nach technischen Änderungen Eine Änderung am Produkt, am Prozess oder am Messmittel muss eine Prüfung auslösen können – auch außerhalb des Intervalls.
Abweichungen im Ist-Zustand bei Erhalt zur Kalibrierung Der Zustand vor der Justage ist aufzuzeichnen. Genau der wird gebraucht, um rückwärts zu bewerten – nicht der Zustand danach.
Bewertung des Risikos für das Produkt Bei einer Abweichung: welche Teile sind betroffen, welche Toleranzen, welche Aufträge.
Verifizierung nach Instandsetzung Nach jeder Reparatur ein dokumentierter Nachweis, bevor das Gerät zurück in den Einsatz geht.
Benachrichtigung des Kunden Wenn Verdachtsmaterial ausgeliefert wurde, ist der Kunde zu informieren. Das setzt voraus, dass man weiß, was ausgeliefert wurde.
Aussagen zur Konformität nach der Kalibrierung Nicht nur Messwerte, sondern eine Entscheidung: geeignet oder nicht.

Die Aufzeichnung, an der es scheitert

Von allen Punkten fällt einer im Audit am häufigsten durch: der Ist-Zustand bei Erhalt, im Kalibrierschein oft als „as found“ oder „vor der Justage“ geführt.

Der Ablauf, der zur Abweichung führt, ist typisch: Ein Messmittel geht zur externen Kalibrierung. Der Dienstleister stellt eine Abweichung fest, justiert das Gerät und schickt es mit einem Schein zurück, auf dem alles in Ordnung ist. Im Verzeichnis wird „i. O.“ eingetragen. Der Zustand, in dem das Gerät monatelang benutzt wurde, ist damit nirgends festgehalten – und die Rückwärtsbewertung, die IATF verlangt, ist unmöglich geworden.

Was daraus folgt: Bestellen Sie Kalibrierungen ausdrücklich mit „as found“-Werten, und legen Sie den Schein am Gerät ab. Ohne den Ausgangszustand haben Sie zwar eine Kalibrierung, aber keinen Nachweis.

Und die Frage, die dann kommt

Steht die Abweichung fest, lautet die Frage im Audit immer gleich: Was wurde mit diesem Messmittel in der Zwischenzeit gemessen?

Beantwortbar ist das nur mit einer lückenlosen Prüfhistorie und mit der Zuordnung des Geräts zu Abteilung, Arbeitsplatz oder Person. Eine Tabelle, in der beim Prüfen das alte Datum überschrieben wird, kann diese Frage nicht beantworten – dort steht nur, dass die letzte Prüfung gut war. Dieselbe Forderung steht bereits in ISO 9001 7.1.5.2 →

Was Kalibrat davon abdeckt – und was nicht

Abgedeckt: unveränderliche Prüfhistorie je Gerät, Zuordnung zu Abteilung und Person, Anhang des Kalibrierscheins am Gerät, Zertifikats- und Akkreditierungsnummer, „geprüft mit“ für die Rückführbarkeit, Sperre mit Begründung und Freigabe, Protokoll jeder Änderung. Eine Prüfung lässt sich außer der Reihe erfassen, wenn eine Änderung sie auslöst.

Ebenfalls abgedeckt: die MSA selbst. Kalibrat rechnet Verfahren 1 (Cg/Cgk), Verfahren 2 (Gage R&R über Varianzanalyse, mit F-Test auf die Wechselwirkung wie im AIAG-Handbuch) und Verfahren 3. Die Untersuchung hängt am Merkmal samt Toleranz und nicht am Gerät – dasselbe Messmittel kann für die eine Toleranz taugen und für die andere nicht. Ausgewiesen wird beides: der Anteil an der Toleranz und der an der Gesamtstreuung, dazu ndc. Eine abgeschlossene Untersuchung ist unveränderlich; das Ergebnis wird so festgehalten, wie es am Tag der Beurteilung gerechnet wurde.

Nicht abgedeckt: die Auswahl. Welche Messsysteme zu untersuchen sind, steht im Produktionslenkungsplan; ob die zehn Teile den Toleranzbereich abdecken und ob die drei Prüfer die richtigen sind, entscheidet die Fachkraft. Kalibrat weist darauf hin, wenn ein Versuchsplan unter den üblichen Umfängen bleibt oder die Teile zu eng beieinanderliegen – die Entscheidung nimmt es niemandem ab.

Kostenlos ausprobieren

Kurz gefasst

Stand: September 2026. Diese Seite gibt den fachlichen Sachstand wieder, zitiert die Norm nicht wörtlich und ersetzt weder deren Anschaffung noch eine Beratung. Verbindlich sind die jeweils geltende Fassung von IATF 16949, die kundenspezifischen Forderungen und die einschlägigen Referenzhandbücher.

Weiterlesen